Gruselnachtgeschichten

übers Leben, Lieben und Leiden

36° und es wird noch heißer, mach den Beat endlich wieder leiser.

Ok, zugegeben, es sind keine 36 sondern »nur« 29, die sich allerdings anfühlen wie 49°. Alles schwitzt und schnauft, flipflopt und schleift sich durch die dicke Hitze die sich durch die Innenstadt rollt. Sie ist so dick, dass man sie gut und gerne mit einem stumpfen Buttermesser schneiden könnte. Ich hatte meine Wohnung irgendwie auf arktische Temperaturen runtergekühlt, indem ich mich wie ein Maulwurf hinter Jalousien und Gardinen verschanzte, doch der gähnend leere Kühlschrank forderte einen Marsch zum Supermarkt.

Ich kämpfte mich zur Bushaltestelle, versuchte irgendwie die stickige puffige Luft zu ignorieren und mich gedanklich in eine Kühltruhe zu legen, als ich bemerkte dass ich mein Portemonnaie Zuhause vergessen hatte. Ich überlegte schon ob ich heute vielleicht doch nur von trockenem Brot und Leitungswasser zehren sollte, da sich jede Faser in meinem Körper dagegen sträubte wieder in die Wohnung und dann zurück zum Bus zu stapfen, doch das leckere Eis und die kühle Apfelschorle im Supermarkt schrien unaufhörlich meinen Namen. 10 Minuten später stand ich also wieder am Bus, schon völlig bis auf den Schlüpper durchgeschwitzt und so ausgelaugt, als hätte ich bereits einen Marathon hinter mir.

Normalerweise beobachte ich gerne die Leute im Bus, vor allem auf dieser Route sieht man oft die ulkigsten Gestalten, doch mein Hirn war einfach überhaupt nicht mehr aufnahmefähig, da es wahrscheinlich im eigenen Wasser schon fast gekocht war. Entblößte unrasierte schwitzende Achseln, Menschen in dicker Lederjacke die anscheinend ein völlig verqueres Temperaturgefühl hatten und unmenschlich viele Schwangere (war vor 8 Monaten irgendwie Netflix down?) besiedelten den Bus. Da war an ulkigen Beobachtungen eh nicht viel zu holen. Ich taumelte gekocht wie eine geplatzte Knackwurst aus dem Bus und stapfte kraftlos in den Supermarkt.

Am Eingang erwartete mich direkt die erste Überraschung. Ein älterer Herr im Rollstuhl wartete auf seine Begleitung. Auf den ersten Blick dachte ich, er wäre nackt. Oberkörperfrei stülpte sich sein ausladender Bauch über die Hälfte der Oberschenkel, sodass man von vorne gar nicht sah, dass er einen knallengen schwarzen Slip trug. Die Füße steckten in schwarzen Socken, die bis zu den Knien hochgezogen waren, die frisch geputzten Lederschuhe rundeten das Bild zusammen mit einer Dose Fanta in seiner Hand ab. Wie gerne hätte ich nur im Schlüppi da gesessen. Ihm schien es prächtig zu gehen und er genoss den Wind, den die vorbeifahrenden Busse über seinen nackten Oberkörper pfiffen.

Natürlich, wie sich für einen Dienstag, der sich als Montag verkleidet hatte, gehörte hatte ich kein Kleingeld für einen Einkaufswagen. Ich musste also wohl oder übel meine fast zirkusreifen Balancekünste auspacken, um meine Einkäufe auf meinen Armen und auf dem Oberkörper zu stapeln. Immer wieder lächelten mich die langen Kühltruhen an, in die ich mich zwischen tiefgefrorenen Erbsen und Spinat zu gerne eingerollt hätte, ich griff dann aber doch nur hinein um mich mit Eiscreme einzudecken. Einen Gang weiter brüllte mir dann ungewohnte Leere entgegen. Die Käse-Industrie streikte wohl, denn die komplette Länge der Käsetheke war leer. Vollkommen leer. Nicht einmal eine Scheibe Käse war aufzutreiben. Meine Salamipizza, die eigentlich mit 2-12 Packungen Mozzarella gepimpt werden sollte, muss dann also leider ohne extra käsige Auflage auskommen. Der Fluch der Dienstag im Montagskostüm.

Während barfüßige Hippies darüber diskutierten wie es denn sein könnte, dass der Billigsupermarkt keine Chiasamen und Agar Agar führten, manövrierte eine lilahaarige alte Dame ihren Rollator voll von preisreduziertem Fisch an mir vorbei. Die typischen Pfandsammler, die ihr gewonnenes Geld gleich in billigen Alk investieren wollten vernebelten mir mit ihrem Schweiß-Schnaps-Geruch spontan die Sinne und mein Körper wollte sich einfach nur ungestüm in das Schokoladenregal übergeben. Ich sehnte mich so sehr nach meiner arktischen Wohnung, in der ich alle Klamotten von mir schmeißen konnte und so meinen aus der Form geratenen Astralkörper vor dem kleinen Ventilator platzieren konnte, der schon so viele Dekaden in Familienbesitz ist, dass sein immer noch tadelloses Funktionieren ein Weltwunder ist.

Irgendein Gott schien mich zu erhören, denn eine neue Kasse wurde geöffnet. Dreist schlängelte ich mich an allen halbschlafenden Wartenden vorbei, ließ die Fischoma und die nacktfüßigen Chiasamenfanatiker links liegen und ließ einfach alles, was ich auf mir balancierte aufs Kassenband fallen. Schneller als ich gucken konnte, stand ich wieder draußen in der tropischen Hitze. Noch langsamer und ausgelaugter als auf dem Hinweg schleppte ich meine Einkäufe vorbei an dem Café, indem mal wieder der Stammtisch der alternden Schönheitköniginnen Mitte 60 tagte. Bei überteuertem Kaffee und in glitzernde Designerfummel gehüllt, ließen sie ihre spitzen Blicke durch ihre gefaketen Guccibrillen durch den vorbeilaufenden Pöbel schnellen und lästerten über ihre Nachbarn, die mal wieder viel zu Laut Musik aufgedreht hatten, so könnte man ja absolut nicht in Ruhe in der Sonne liegen und dem Gärtner dabei zusehen, wie er die Hecke begradigt.

An der Bushaltestelle sonnten sich zwei ältere Herren oben ohne, deren Brusthaut die Farbe von Brathähnchen hatte und gönnten sich ein Bier. Heute war anscheinend der offizielle Tag der oberkörperfreien Rentner, den ich allerdings im Schnellbus hinter mir ließ und mich dann Zuhause einfach nur auf den eiskalten Boden meiner Wohnung zu legen. Mein Kühlschrank ist leider zu klein, da kriege ich leider nur meine Beine rein. Mit viel akrobatischem Talent auch noch einen Arm.

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