Gruselnachtgeschichten

übers Leben, Lieben und Leiden

American Dead

Das Idyll in seinem Wohnzimmer fand ein jähes Ende, als Williams Drang zu töten immer größere, unaufhörliche Ausmaße annahm. In den letzten sechs Monaten hatte er 22 Menschen über den Jordan gebracht. Alle fein säuberlich zerstückelt und in den Zwischenboden seines typisch amerikanischen Familienhauses verscharrt. Teilweise ließ er die leblosen Körperbrocken in Form von handlichen Haufen tagelang, ja sogar wochenlang unter seinem Küchentisch oder sogar seinem Bett vor sich hin rotten. Mit der Zeit wurde er einfach zu faul, seine Schaufel zu nehmen und die gestückelten Fleischberge zu vergraben. Es war einfach eine lästige Konsequenz aus seiner Mordeslust. Doch dieses Mal war es anders. William hatte mit der Schaufel im Anschlag, und den Überresten seines letztens Opfers in ein Bettlaken geknotete, den Weg nach unten in den Zwischenboden angetreten. Ein beißender Gestank bohrte sich durch seine Nase in den Kopf und schoss dicke Tränen aus seinen Augen. Schnell begann er zu graben, doch egal wie tief er grub oder wie weit er in die Tiefen seines Zwischenbodens vordrang, er fand nicht mehr genug Platz um die Einzelteile seines letzten Opfers schnell verschwinden zu lassen. Hübsch war er gewesen, dachte William. Ein gut gebauter Jüngling, der ihn eigentlich nur um Starthilfe gebeten hatte, weil sein Auto nicht mehr an sprang. Nun war er tot. Erdrosselt und in handliche Brocken zerteilt. William grub immer hastiger. Teil für Teil verschwanden die kalten Fleischstücke unter der Erde. Wild verteilt. Überall da wo es gerade passte. Nach einer halben Stunde hatte er es geschafft. Nun war wirklich nicht einmal mehr der Hauch von Platz in der muffigen Erde hier unten, dachte sich William. Erleichtert stapfte er nach oben, stellte die Schaufel beiseite und ließ sich mit dem blutbesudelten Bettlaken, das als Transportmittel für die Einzelteile seines Opfers galt, auf die alte lindgrüne Couch im Wohnzimmer sinken. Es lag noch immer der vorangegangene Kampf in der Luft.

Er hatte sich gewehrt. Mit Händen und Füßen. Hatte versucht zu schreien, doch das dicke Klebeband hinderte ihn. Mit einem Trick hatte William ihn überlistet. Er hatte ihn ins Haus gelockt, hatte mit ihm gewettet, um ein feines Mittagessen, denn der Junge schien von einer langen, essenslosen Fahrt zu kommen. Gewettet, dass er es nicht schaffe sich aus Handschellen zu befreien. Der arme, ausgelaugte Jüngling, willigte ein. William ließ sich die Handschellen anlegen. Alles lief wie geplant, flink zog er die Schlüssel, die er vorsorglich in seiner hinteren Hosentasche versteckt hatte, heraus und befreite sich aus den eisernen Handgefängnissen. Der Jüngling war erstaunt. Wollte es auch probieren. So schwer konnte es ja nicht sein, es sah schließlich bei William so einfach aus. Da stand er nun, der Jüngling in Handschellen. Schnell wurde ihm das Schreien mit muffigem Klebeband entrissen. Und nicht einmal 20 Minuten später, waren von ihm nur noch Fleischbrocken über.

William ließ seinen Blick schweifen. Sein Wohnzimmer war sonst ein Musterbeispiel an Perfektion. Alles hatte einen festen Platz. Es sah geradezu aus wie in einer Möbelausstellung. Doch nicht jetzt. Julian hatte für Chaos gesorgt. So hieß der schöne Jüngling. Schöner Name, hatte William gedacht als er seine Sachen durchwühlt hatte und dabei auf seinen Ausweis gestoßen war. Er hatte randaliert. War panisch herum gestolpert. Hatte eine Gardine abgerissen, den Tisch verrückt, eine Vase um geschmissen und die Lampe auf den Boden geworfen. Doch es störte William nicht. Seine Frau hatte ihn samt Kindern vor sechs Monaten verlassen. Perverses Schwein, hatte sie gerufen als sie sich ins Auto gestürzt hatte und davon brauste. William knüllte in Gedanken versunken das dreckige Bettlaken zusammen. Er merkte gar nicht wie ihm aus dem roten Laken das letzte Stück entgegen fiel, das noch von Julian übrig war. Der Kopf. William hatte ihn in der Hast des Buddelns völlig übersehen und vergessen. Er schreckte hoch als plötzlich jemand an die Tür hämmerte. Entgeistert und völlig aus den Gedanken gerissen blickte er auf seinen Schoss von dem ihn die panisch aufgerissenen Augen des Jungen anstarrten.

Er sammelte seine Gedanken und versuchte sich nichts anmerken zu lassen als er die Tür öffnete.„William, ich komme da ich von einigen Nachbarn Beschwerden erhalten habe, weil von deinem Grundstück ein störender Geruch ausgehen soll.“ Der Sheriff ließ seinen Blick über Williams Schulter in den Flur hinter ihm schweifen. „Ich habe da ein kleines Ungezieferproblem. Ich habe allerdings schon Schritte unternommen um dies zu unterbinden. Das Mittel riecht etwas streng. Ich bitte dies zu entschuldigen. In 1-2 Wochen sollte sich das vollständig gelegt haben!”William war bereits im Begriff die Tür wieder zu schließen, als der Sheriff den Fuß in die Tür setzte.„Willst du mich nicht herein lassen? Ich würde mir gerne selber ein Bild von der Situation machen.“ William schluckte. „Aber sicher. Komm rein Bill.“ Der üble Geruch breitete sich im ganzen Haus aus. Wie eine schwere Wolke legte er sich über die ganzen Räume. William führte den Sheriff ins Wohnzimmer. „Willst du etwas trinken? Einen Tee oder einen Kaffee?“ Der Sheriff nickte. „Ein Kaffee. Das wäre nett.“ William blickte ihn mit völliger Unschuldsmiene an und verschwand in der Küche. Der Sheriff reckte die Nase in die Luft. Der Geruch schien aus allen Poren des Hauses zu strömen, sodass er die Quelle dieses Gestanks gar nicht ausmachen konnte. Er blickte sich im Wohnzimmer um. Alles war geordnet und systematisch platziert. Die Lampe und die Vase standen auf Mittelachse des kleinen Holztisches. Alles war gepflegt. Das einzige was das perfekte Bild störte war eine Gardine, die abgerissen war und mehr schlecht als recht noch von der Gardinenstange herunter hing. Der Sheriff blickte weiter. Nichts war ungewöhnlich. Nichts störte die Perfektion des gutbürgerlichen Familienhauses.

Er ließ seinen Blick weiter schweifen. Wie man hier nur leben konnte, mit diesem Gestank, dachte Sheriff Bill als er sich weiter in dem gutbürgerlichen Wohnzimmer umsah. Er bekam kaum frische Luft. Die Luft war getränkt von diesem muffige, beißenden Gestank. Wie man nur so ein Insektenvernichtungsmittel verkaufen konnte, das so stank. Kopfschüttelnd stapfte Bill vom Sofa aus quer durch das Zimmer. Er ließ seinen Blick auf dem Fernseher nieder. Unter ihm hatte sich eine kleine Lache, gelblich-bräunlicher Flüssigkeit ausgebreitete und war in den hellen Teppich gesickert. Bill stutzte. Seit wann konnte ein Fernseher ein Leck haben? Bill trat etwas näher. Er kniete sich vor die nasse Lache des Fernsehers und verfolgte den Lauf der Flüssigkeit. Sie tropfte geradewegs zwischen dem Gehäuse und dem Fernsehschirm heraus. Bill beugte sich vor und starrte in den dunklen Schirm. Vorsichtig drückte Bill auf den alten bronzenen Knopf des Fernsehgerätes und schreckte zurück. Er hatte mit einem Fernsehprogramm gerechnet, doch das was ihm da entgegen flimmerte war mehr als nur reine TV Fiktion. Das Betätigen des Schalters hatte den Fernseher nicht in Gang gesetzt, sondern lediglich die Lampe im Inneren angeschaltet. Die Bildröhre fehlte, ja sogar das ganze Innenleben des Fernsehers war mehr schlecht als recht heraus gekernt. Das Gerät war bis zur Oberkante mit einer gelblich-bräunlichen Substanz gefüllt in der ein Kopf schwamm. Die panisch aufgerissenen Augen des Jungen die ihn anstarrten ließen Bill einen kalten Schauer über den Rücken laufen. Er zitterte und traute seinen Augen kaum. Mit so etwas hätte er niemals gerechnet. Vor allem nicht von William. Seinem Vorzeigebürger. Der treuen Seele dieser Stadt.

Bill saß wie angewurzelt auf dem Boden vor dem Fernseher und starrte in das grausige Bild das sich ihm dort bot. „Bill, hier ist dein Kaffee, es tut mir Leid, hat etwas länger gedauert!“, aufgesetzt grinsend stand William nun in der Tür. Ihm entglitten sämtliche Gesichtszüge als er Bill vor dem eingeschalteten Fernseher sah, in dem Julians Kopf wie ein goldenes Kunstwerk leuchtete.

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