Gruselnachtgeschichten

übers Leben, Lieben und Leiden

Auf dem Kiez ist immer was los

Nach knapp 10 Jahren des Lebens auf dem Kiez, kann mich so schnell eigentlich nichts mehr schocken. Mich wundert auch nichts mehr. So ist es ganz normal, dass ein offenkundig aus dem Krankenhaus geflohener Mann, dem der Katheterbeutel noch um die Beine schwingt splitternackt auf dem Fahrrad über die Reeperbahn fährt, oder ein Krankenwagen der mitten in der Nacht vorm SM-Studio in meiner Straße hält und Minuten später mit einem in Lack gekleideten Mann auf einer Trage wieder heraus kommt, wobei die Plane die man über ihn gelegt hat am Unterleib eigenwillig in die Höhe ragt.

Hier ist einfach immer was los. So war ich letztens mit einem Freund im Auto unterwegs, obwohl wir auf der Davidstraße nicht wirklich weiterkamen, denn zwei Kerle prügelten sich mitten auf der Kreuzung gegenseitig das Hirn aus den Schädeln. Da die Davidwache ja in diesem Fall wirklich einen Steinwurf entfernt war, war die Polizei sofort zur Stelle und schleifte die beiden Prügelhähne von der Straße. Einmal stand ich bei meinem geliebten Kiez-Penny an der Kasse in der Schlange, studierte die Auslage der Süßigkeiten und überlegte ob und wenn ja ich welches von den süßen Köstlichkeiten mitnehmen sollte, als der offenkundig strunzbetrunkene Mann vor mir ins Wanken geriet. Er roch so dermaßen nach Urin, dass mir fast schlecht wurde doch der Ouzo den er sich anscheinend vor Kurzem über die Jacke gekippt hatte neutralisierte das Ganze halbwegs. Er krallte sich an die metallene Blende des Fließbandes, auf das er vorher zwei Tetrapaks Sangria gestellt hatte, rülpste einmal laut um sich dann mit voller Wucht auf das bewegliche Band zu übergeben. Spontan beschloss ich die Kasse zu wechseln, an der kotzbesprenkelten Kasse würde es noch etwas länger dauern.

Man lernt auch so unfassbar viel. Wie Dealer aussehen, wo sie stehen, als Mensch der Drogen vollkommen ablehnt weiß man wie Marihuana riecht und kann diesen Geruch auch gegen eine höllisch steife Brise identifizieren und wie man teuere von günstigen Nutten unterscheidet, weiß man nach einer gewissen Zeit auch. In welchen Bars Hell’s Angels verkehren, wo Joe Cocker in den 80ern mal hingekotzt hat und wo die Beatles ihre Karriere starteten. Wo Hamburgs grausamster Killer, Fritz Honka, wohnte und wo er seine Opfer fand, wo es Palmen aus Metall gibt und das Radler eigentlich Alsterwasser heißt.

Es fing schon an, als ich herzog: Ok, ich war noch nicht ganz eingezogen, war aus meiner Heimatstadt mit dem Zug hergefahren, hatte mich mit Farbe und Pinseln bewaffnet und wollte meine noch vollkommen leere Wohnung streichen. Ich hatte zu der Zeit exakt ein Objekt in meiner Wohnung: einen Aschenbecher, alles andere sollte bei meinem Umzug knapp 2 Wochen folgen. Ich setzte mich auf den kalten Billiglaminatfußboden, rauchte genüßlich eine Zigarette und sinnierte darüber, wie ich die nackten Wände denn nun verschönern könnte, als es klingelte. Meine Cousine kam mich besuchen und wollte mal mein neues Domizil sehen. Meine erste eigene Wohnung. Sie blickte durch mein großes Fenster auf die andere Straßenseite und bölkte »Na das ist ja ein Empfang!« ich drehte mich zum Fenster und erblickte an der Ecke gegenüber einen Kerl mit halb heruntergelassener Hose, der sich offenkundig gerade einen runterholte. Für die Herbertstraße hatte es wohl nicht mehr gereicht.

Erst kürzlich lernte ich, dass Abschleppunternehmen auch nachts arbeiten. Als ein Car2Go Smart direkt vor meinem Fenster morgens um 1:34 Uhr abgeschleppt wurde. Ok, der war blöd geparkt, aber nicht so dermaßen, dass man ihn sofort noch mitten in der Nacht von seinem eigenwilligen Parkplatz zerren musste. Nachts vor ein paar Tagen, ich war gerade schön in mein flauschig weiches Bett eingemummelt, hatte mein Netbook postiert und wollte schön einen Film gucken, da vernahm ich ein komisches Klappern draußen. Als unfassbar neugierige Person, sprang ich natürlich sofort aus den Federn um nachzusehen und zu meinem großen Erstaunen, ritten dort zwei Polizisten durch meine Straße. Morgens um 2 Uhr. Ich fragte mich ob die Pferdchen um diese Uhrzeit nicht längst ins Bett gehörten und verstand nicht so recht, welch einen triftigen Grund es wohl dafür gibt, berittene Polizisten morgens um 2 durch die Straßen des Kiezes zu schicken. Letzte Nacht wiederholte sich das Spektakel um 2:30 Uhr.

Was Junggesselenabschiede angeht, habe ich, glaube ich, auch schon alles gesehen. Von 20köpfigen Truppen aus Kerlen, als Babys verkleidet, die versuchten Frauen an die Brust zu gehen, großen Gruppen von Schlümpfen, Minions, Gartenzwergen, Dieter Bohlen Doubles, nackten Kerlen in Borat-Badeanzügen oder meinem Favorit: einem ca. 50jährigen äußerst korpulentem Kerl mit langen dunklen fettigen Haaren, den man in ein seidenes rosanes Hochzeitskleid gezwängt hatte und der nun auf dem Kiez Penisse aus Marzipan verkaufte.

Ich bin gespannt, welch bunte Vögel, gestrandeten Existenzen, eigenwillige Junggessellen, zugedröhnte Piraten oder betrunkene Seemänner ich noch so erleben werde und was der Kiez in der Zukunft noch so für mich zu bieten hat.

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