Gruselnachtgeschichten

übers Leben, Lieben und Leiden

Das Skelett im Fenster

Manchmal ist es schon fast erschreckend, wie unaufmerksam ich bin. Wie wenig ich von der Welt um mich herum wahrnehme, obwohl es doch so vieles Schönes zu bestaunen gibt. Den Blick meist kerzengerade nach vorne gerichtet, erfasse ich größtenteils nur das was direkt vor meiner Nase liegt, hier und da ein geschwenkter Blick auf den Bürgersteig, oder da und dort mal ein kurzes Schauen nach rechts und links.

Eines abends machte ich mich auf zu meinem fast schon rituellen Gang zum Kiosk, um mir köstliche Glimmstengel zu organisieren. Tagsüber vergesse ich einfach immer mit rauchbarem Gut einzudecken. Ich schlendere also meine Straße entlang, es nieselt und die Tropfen echoen platschend auf das dicke Kopfsteinpflaster hernieder. Dank der dicken Wasserspritzer sehe ich durch meine Brille nur noch wie durch einen verzerrten Glasbaustein. Selbst mit den Böden von Cola Flaschen hätte ich schärfer gesehen. Durch große Pfützen hüpfend, ja das mache ich selbst dem Kindesalter entwachsen noch immer, auch wenn die Pfütze auf der anderen Straßenseite liegt und ich nur um in das verspielte Nass zu Hopsen dann gerne mal in wirren Schlangenlinien die Gasse passiere, bahne ich mir meinen Weg zum 24-Stunden-Kiosk an der Ecke, der gnädigerweise einen Steinwurf von meiner Wohnung entfernt liegt und der eigentlich bei meinem Zigarettenkonsum längst eine Pipeline direkt in meine Wohnung hätte legen sollen.

Die Fenster sind allesamt durch dicke Gardinen dem Blick undurchdringlich gemacht, nur neonfarbiges Flimmern lukt ab und zu hervor. Manchmal huschen Schatten vorbei, das Licht wird gelöscht oder man vernimmt laute Musik, meist Punk, aus einem der vielen Wohnzimmer, die ihre Fenster direkt zur Straße haben. Ich bin nun also schon fast da, da platscht mir ein dicker Regentropfen direkt zwischen Brille und Auge. Die Faust wütend in den Himmel gestreckt blicke ich nach oben, als säße da jemand der genau diesen einen Tropfen auf mich gezielt hatte, doch erblicke ich etwas ganz anderes: ein Skelett. Hoch oben im 3. Stock, an einem bodentiefen Wohnzimmerfenster steht es. Es ist ein typisches Schulungsskelett aus Plastik, das für medizinische Lehrzwecke benutzt wird. Die linke Hand keck in die entblößte Hüfte gestemmt, die rechte ruht auf dem seitengleichen Oberschenkel. Der Kopf ist etwas zur Seite geneigt, sodass die augenlosen Höhlen einen fast anzuschauen scheinen, sobald man vorbei geht. Ich grinse. So breit, dass es schon fast wehtut. Wie konnte ich diesen knöchernen Burschen all die Jahre die ich hier wohne nicht bemerken? Warum hatte ich bis jetzt nie dort empor geschaut?

Ich bewaffne mich mit neuen Fluppen und trete den Heimweg an, aber nicht ohne auch auf dem Rückweg nochmal den Knochenmann zu betrachten und etwas zu kichern. Ich nehme mir vor ab jetzt jedes Mal, wenn ich meine Straße dort entlang gehe, nach oben zu sehen und ihn zu grüßen.

Ich bin seitdem nun schon einige Male an dem Haus mit dem skelettierten Bewohner vorbei gegangen und immer habe ich ihn angesehen. Zu meiner großen Bewunderung stand der entfleischte Herr jeden Tag in neuer Pose da! Sein lebendiger Mitbewohner richtet ihn jeden Tag neu aus, ja gestern lag das Skelett sogar in verführerischer Pose auf dem Boden, wie die von der jungen Kate Winslet verkörperten Rose, die sich vom alterslosen Leonardo DiCaprio in Titanic splitternackt in malerischer Pose zeichnen ließ.

Ab jetzt schaue ich genauer hin, denn es gibt so viel Schönes zu bestaunen, das einem verborgen bleibt, wenn man nicht mal einen Blick nach oben wagt.

Hier mal ein Foto von dem Skelett im Fenster, kein besonders gutes, aber es erfüllt seinen Zweck.

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