Gruselnachtgeschichten

übers Leben, Lieben und Leiden

Der nächtliche Ritt

Irgendwann gewöhnte ich mich an den Lärm. Mit Fenstern die so dünn sind, dass man vorbeilaufende Menschen furzen hören kann, und so undichten Gläsern in den Rahmen, dass einem bei fiesem Wind ein Hauch um die Nase weht. Dank der Nachlässigkeit meines Vermieters, höre ich nun schon seit fast 10 Jahren jedes Geräusch vor meinem Fenster. Nachts, wenn das pöbelnde Trunkenvolk wochenendlich durch die Straßen gepoltert ist, höre ich ihre zurück gelassenen Plastikbecher, wie sie vom Wind über das Kopfsteinpflaster getragen werden.

Zahllose Streits und Trennungen spielten sich schon direkt vor meiner Wohnung ab, natürlich hörte ich jedes Wort, kann schon fast einen Beziehungsratgeber schreiben, weil ich die hunderte Fälle akribisch auseinander nahm und analysierte. Allerdings gibt es bei „Du Hure hast mit meinem Digger gepennt, Alte!“ nicht viel zu analysieren. Weinende Frauen die lauthals in ihr Handy schluchzen, Hunde die sich mitten in der Nacht einen Kampf auf der Straße liefern, da die beiden Herrchen gerade auf der anderen Straßenseite beim Dealer Gras kauften. Teeniemädels, die zum ersten Mal einen Rausch erleben und das gesoffene Gut gleich vor meinem Fenster auskotzen, bekannte Kiezstimmen wie Inkasso Henry oder Kalle Schwensen säuseln an meiner Scheibe vorbei, genau wie eigentlich alle Stimmen und Sprachen aus der ganzen Welt.

Wenn ich nachts also in meinem Bett liege, dass aus platztechnischen Gründen direkt am Fenster steht, dann nehme ich gewollt oder nicht, alles wahr was da draußen passiert. Die meisten Geräusche höre ich schon gar nicht mehr, sie sind so in mein Hirn geschmolzen und gehören zum Standartgeräuschsammelsurium, das tagtäglich auf den Straßen herumwuselt.

Es war die erste Nacht eines Wochenendes in 2016, als ich gegen 2:30 morgens ein unübliches Geräusch vernahm: Klappern. Blechernes, metallenes Klappern. Mir wollte einfach nicht in den Sinn kommen, was in der Nacht von Freitag auf Samstag so einen Radau machen könnte, und so schälte ich mich aus meinem warmen Nest und tapste barfüßig über das kalte Billiglaminat zum Fenster und spähte durch die Jalousinen. Pferde! Besser gesagt, berittene Polizei. Zwei uniformierte Männer hoch zu Ross taperten entgegen der Einbahnstraßenrichtung durch die Nacht. Kopfschüttelnd und verwirrt rollte ich mich wieder in die weiche Kuscheldecke und schlief grübelnd ein. Am nächsten Tag hatte ich den nächtlichen Ritt schon wieder vergessen, bis es wieder Nacht wurde und sich das Schauspiel wiederholte. Fast genau zur gleichen Uhrzeit. Punktschlag 2:30 Uhr.

Das Ganze ist nun schon einige Wochen her, aber es hat sich nichts geändert. Jede Nacht von Freitag auf Samstag und von Samstag auf Sonntag ist berittene Polizei auf dem Kiez unterwegs. Zeitlich hat sich das bizarre Schauspiel eine Stunde nach vorne verschoben und so reiten jedes Wochenende die Polizeipferde durch die Dunkelheit. Und es ist mir bis heute nicht klar warum. Weder Google noch Freunde konnten weiterhelfen und so lausche ich jedes Wochenende dem Klappern der Hufe und frage mich ob die armen Pferdchen nicht müde sind und schon längst im Bett sein sollten.

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