Gruselnachtgeschichten

übers Leben, Lieben und Leiden

Die Straße der Musik

Ich lebe auf St. Pauli, das schon seit 8 Jahren und aus voller Überzeugung und mit viel Liebe für diesen Stadtteil. Es gibt viele Sachen, die ich an dieser Ecke in Hamburg mag, aber das Beste ist wohl die Straße der Musik. Also eigentlich ist eine Straße an der sich eine Kneipe an die nächste reiht, in der die Bars quasi fließend ineinander übergehen und man ob Tag oder Nacht konstant von Musik beschallt wird. Natürlich muss man in dieser Straße mit dem streckenweise beißenden Geruch von Kotze in Verbindung mit literweise frischer Pisse umzugehen wissen, doch wenn man das erstmal ausschaltet und das kann man nach fast einem Jahrzehnt des Kiezlebens in Perfektion, dann ist die Straße wie ein großes Radio.

Egal wohin ich gehe, ich versuche immer durch diese Straße zu gehen. Vor allem wenn das Wetter mal wieder grau und miesepetrig ist, die Stimmung gleich mit ins Bodenlose stürzt und man eigentlich gar nicht raus will, obwohl man muss und das warme Bett so herzzerreißend nach einem schreit, dass man gleich ein schlechtes Gewissen kriegt. Genau dann ist diese Straße Gold wert. Aus jeder geöffneten Kneipentür schallt Musik, die von den trinkenden Besuchern mit Bedacht und hohem Alkoholpegel in der Jukebox ausgesucht wurde. Wenn man in die Straße einbiegt dann ist das erstmal ein Wust aus Klängen und Gesang, einzelnen vertraute Melodiefetzen kann man dekodieren, meist muss man aber näher an die Bars ran um die Knallerhits aus den 80ern, 90ern und 2000ern genau zu erkennen.

Natürlich ist oft und gerne Deutschlands Lieblingshupfdohle und Goldkehlchen Helene Fischer dabei, die zum 40.000sten mal atemlos ist, aber ab und zu dröhnen musikalische Perlen der 80er aus den alten Boxen, die man schon fast vergessen hatte, sich aber binnen Sekunden so tief in die Hirnrinde vorfressen, sodass man sie noch Wochen später nicht aus den Ohren kriegt und sie ungewollt immer mal wieder anstimmt oder mit summt.

Erst heute wurde ich erst von einem Kracher von The Offspring empfangen, dank dem ich ganze 2 Meter lauthals mitgröhlend »Why don’t you get a job?« skandierte, bis die nächste Bar mir mal wieder Helene aufs Ohr drückte. Dieses Mal wollte sie immer wieder dieses Fieber spüren, doch das währte nicht lange, denn schon in der nächsten Kneipe wurde sie von Van Halens sprunggeladenem »Jump« abgelöst. Gekrönt wurde das musikalische Fest, gegen das der Eurovision Songcontest gnadenlos abstinkt, von einer gehörigen Portion guter alter deutscher Liedkunst: Rammstein. Mit gewohnt harsch gerolltem R polterte Fronter Till Lindemann Floskeln über die Sonne, die nun komme und so war ich mir sicher, dass heute ganz ganz bestimmt ein toller Sommertag werden würde.

Später, bei der Arbeit sitzend, hat sich das Ganze zu einem wirren Gebilde geformt, in dem Frau Fischer mit Fieber beim Arzt sitzt, dieser sie fragt warum sie sich den keinen Job sucht und als Mittel gegen das Fieber ein paar Hüpfer verschreibt. Zum Schluss verwandelt sich der Arzt in einen Wetterfrosch der ankündigt dass: 1, die Sonne kommt, 2 die Sonne kommt und 3 die Sonne kommt und zwar hier.

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