Gruselnachtgeschichten

übers Leben, Lieben und Leiden

DOE

Dieser Bürostuhl war so etwas wie meine Rückzugsmöglichkeit geworden. Ich setzte mich in ihn hinein, zog die Beine an, schob mein Kinn zwischen die Knie und kehrte meiner Bürotür den Rücken zu. Die Aussicht die ich nun erspähte war sagenhaft. Ein kaltes, verregnetes SoHo. Kühl und elegant, mächtig und unbezwungen lag es vor mir. Ich konnte den ganzen Stadtteil überblicken, man fühlte sich geradezu göttlich. Als Herrscher über den Wolken, doch davon war ich meilenweit entfernt. Auf meinem Schreibtisch lag seit einer geschlagenen Woche die Akte „Doe“. Ich hasse Akten, die ich aufschlage und auf der ersten Seite gleich den Namen „Doe“ lese. Man hätte die Person auf Mister X oder Mister Unidentifiziert nennen könne, das käme aufs gleiche raus. Irgendwas an diesem Fall ließ mich nicht los. Ich hatte seit der Tat im Büro übernachtet, auf meinem Herrscherthron, auf die Stadt gestarrt und zwanghaft versucht einen Hinweis in den hinter letzten Ecken meines Verstandes und meines Bewusstseins zu finden. Doch nichts. Nicht mal ein Funken. Ich arbeitete nun seit 6 Jahren in diesem Revier, als kleiner, nichtiger Polizist, dem immer nur die langweiligen und öden Tätigkeiten zugeschoben wurde, in der Tat waren die Schreibmaschine und ich in den letzten Jahren zu so etwas wie einem alten Ehepaar verkommen. Ich verbrachte die meiste Zeit mit ihr. Tippen, tagelang Berichte tippen. Mehr brachte mir mein Job nicht an Abwechslung. Die mittäglichen Donuts waren das einzige Ereignis am Tag das meine tief fliegenden Mundwinkel etwas nach oben zogen. Doch dann fing mich die graue Tristess meines Büros wieder ein, schlang mich fast herunter und war auch nach allem betteln und flehen nicht bereit mich wieder auszukotzen. So saß ich nun in meinen Büro, ich hatte es Hank genannt; Hank und ich konnten uns nicht leiden, aber wir mussten irgendwie miteinander auskommen, irgendwie. Hank hatte mir noch nie geholfen, auch bei diesem Fall würde er es nicht tun. Das war so typisch, aber aufregen tat ich mich darüber nicht mehr, nicht gut für die Pumpe, sagte mein Arzt.

Der neue Doe Fall kam mir bekannt vor. Als ich gerade frisch bei der NYPD angefangen hatte, begann eine Serie von mysteriösen Vorfällen, bei denen völlig verwüstete Wohnungen aufgefunden worden waren, vom Bewohner fehlte jede Spur. Das Einzige was an ihn erinnerte war ein großes Ölgemälde auf dem er, in totem Zustand, in künstlerischer Weise zu Leinwand gebracht wurde. Erst Monate später wurden die Leichen in einer alten Fabrik gefunden, in der der “Künstler” anscheinend gewerkelt hatte. Die Morde gingen als die „van-Gogh-Morde“ in die Geschichte von New York ein. Der aktuelle Fall glich den van Gogh Morden ziemlich genau, mit der Abweichung das in der Wohnung kein Ölgemälde gefunden wurde, sondern eine verstörende Collage aus Familienbilder und Privatfotos die im Ganzen betrachtet eine Fratze, eine Karikatur des Mannes bildeten. Es war ein Mann, soviel stand fest, doch alle persönlichen Gegenstände die etwas über ihn verraten hätten, waren feinsäuberlich entfernt worden. Nicht einmal mehr das Klingelschild verriet seinen Namen. Die Wohnung war eine Eigentumswohnungen, und es lagen keinerlei Kaufbelege über diese vor. Keiner seiner Nachbarn kannte ihn, so wurde er zu einem weiteren John Doe, in der Geschichte der Kriminalsfälle.

To be continued(?)

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