Gruselnachtgeschichten

übers Leben, Lieben und Leiden

Marschmusik mit Porree

Meisten geht mir diese Erinnerungsfunktion bei Facebook ziemlich auf die Eier(stöcke). Was interessiert es mich, welchen verbalen Dünnschiss ich vor 8 Jahren geschrieben habe? Wollen Mark Zuckerberg und Co dass ich mich schäme? Ich denke, dafür ist diese Funktion gemacht. Sodass sich die ganzen armen Facebook-User darüber schämen, was sie so vor Jahren gedacht, gesagt und geteilt haben. Als mir Facebook vor ein paar Tagen aber eine Erinnerung zeigte, die ich schon völlig vergessen hatte, musste ich grinsen.

»Nachbarsopa hört wieder Marschmusik & dirigiert mit einer Stange Porree.«

Ich finde es immer unglaublich traurig, wenn man jemanden fast jeden Tag aus der Ferne sieht, wie zum Beispiel einen Nachbar aus dem Haus gegenüber, sich an seinen lustigen Marotten erfreut, die Person dann aber schnell vergisst, wenn sie nicht mehr da ist. Manchmal fällt einem gar nicht auf, dass sie weg ist. So ging es mir mit dem Marsch-Opa. Er wohnte jahrelang im Haus gegenüber, ein Stockwerk über meinem. Die etwas vergilbten Spitzengardinen waren fast immer zur Seite gezogen, sodass man perfekten Blick auf die Eiche-Rustikaleinrichtung und die etwas antiken Lampen die herumstanden und wilden Öl-Bilder an den Wänden hatte. Eine Frau habe ich nie bei ihm gesehen, so nahm ich an, der liebe Marsch-Opa wäre wohl Witwer.

Er hörte so gerne Marschmusik. So unfassbar laut, sodass die ganze Straße unfreiwillig mithörte. Da mein Opa Marschmusik auch unglaublich gerne mochte, schloss ich den Nachbarsopa sofort ins Herz. Eines Tages, ich saß an meinem PC und brütete gerade über meiner Abschlussarbeit fürs Studium, da polterte erneut die Marschmusik herüber. Ich guckte aus dem Fenster und erspähte den Opa. Er saß wohl in seinem Sessel und dirigierte die unsichtbare Marschkapelle. Mit einer Stange Porree. Wer hat auch schon einen Dirigentenstab da wenn es einen spontan überkommt?!

Der Opa wurde zu meinem Lieblingsnachbar, auch wen er gar nicht in meinem Haus wohnte.

Der Uni-Abschluss wurde stressiger. Ich hatte nicht mehr wirklich ein Auge oder Ohr für die ganzen Details um mich herum. So bekam ich gar nicht mit, dass der Marsch-Opa eines Tages einfach nicht mehr da war. Seinen Platz in der Wohnung nahm eine Familie ein, die eigentlich den ganzen Tag mit Kochen beschäftigt ist. Keine Marschmusik mehr. Kein Porree-Dirigentenstab. Nur noch Hello Kitty an den Wänden und Porree im Eintopf.

Ich hoffe der liebe Opa dirigiert nun eine unsichtbare Kapelle im Seniorenheim mit ultrasexy Krankenschwestern. Oder im Himmel.

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