Gruselnachtgeschichten

übers Leben, Lieben und Leiden

Modelleisenbahn und ein Bauchschuss

In meiner unstillbaren Neugier, alles aufzusaugen und zu entdecken was so auf St. Pauli los ist und was man dort alles für kleine Schätze finden kann, machte ich mich auf eine kleine Erkundungstour. Mein grober Plan war es einen Modelleisenbahnladen aufzusuchen, den ich bei Google Maps nicht weit von mir entdeckt hatte, und der bestimmt allerlei einzigartige Materialien hatte, mit denen ich experimentieren und durchdrehen konnte, wenn ich ein neues Bastelprojekt am Start hatte.

Ich schlenderte also über die Reeperbahn, bog auf den Hamburger Berg ein und flanierte an den selbst um diese frühe Uhrzeit schon unbändig nach Pisse und Schnaps stinkenden alten Kneipen vorbei, bahnte mir meinen Weg Richtung Schanze und hatte auch schon bald den kleinen, äußerst verwinkelten und zugestellten Laden gefunden. Eine gefühlte Ewigkeit später, nachdem ich eigentlich fast alles an Lacken und Landschaftsmaterialien eingehend studiert und natürlich was gekauft hatte, machte ich mich auf den Rückweg und schlenderte aus voller Absicht durch Straßen, die ich vorher noch nie betreten hatte, weil sie nie auf meinem direkten Weg lagen. Ein knallblaues Schlumpfeis später, welches seit meiner Kindheit eine feste Konstante in meinem Ernährungsplan ist, danach Bummelei und Schaufensterbeäugung diverser sehr interessanter, aber auch sehr teurer Läden (sorry, für ein dekoratives Windlicht aus alten Paletten bezahle ich keine 76€) tappelte ich wieder Richtung Reeperbahn, auf der ich etwas verweilte, um dann an der Davidwache vorbeizugehen und meinen Weg nach Hause anzutreten.

Dass vor der Davidwache immer was los ist, ist nichts Neues. Größtenteils sind es Touristen, die sich unbedingt vor der weltbekannten Polizeiwache ablichten lassen wollen, doch dieses Mal sahen die knipsenden Herrschaften eher professionell aus. Außerdem stand ein Krankenwagen direkt vorm Eingang, hatte weit geöffnete Hintertüren und eine fehlende Trage im Inneren. Ein Filmteam hatte sich postiert um alles einzufangen. Ich dachte mir, dass da wohl wieder Notruf Hafenkante oder eine andere Serie gedreht wird, die endlosen Dreharbeiten sind allerdings eine ganz andere Geschichte.

Ich ging weiter, ohne noch einen Gedanken an den Tumult vor der Wache zu verschwenden und wurde erst am Abend wieder daran erinnert, als man auf jeglichen Nachrichtenportalen und in allen möglichen News Sendungen im Fernsehen von einem angeschossenen Mann hörte, der auf dem Hamburger Berg vor einer alten Kneipe einen Bauchschuss erlitten hatte, sich dann bis zur Davidwache schleppte, wo er von Notärzten versorgt und dann ins Krankenhaus gebracht wurde. Das eigentlich erschreckende ist, dass ich keine 20 Minuten vor den fallenden Schüssen an genau der Kneipe vorbei ging, wo es passierte und keine 10 Minuten nachdem sich der Verwundete in die bekannte Polizeistation schleppte, genau dort stand. Manchmal ist es gut, zur falschen Zeit am richtigen Ort zu sein!

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