Gruselnachtgeschichten

übers Leben, Lieben und Leiden

Schweig’

Vorsichtig fuhr ich mit meinen Fingern über meinen Mund. Eine noch leicht klebrige Substanz zog sich über meine Lippen und bot meinen Fingerkuppen eine raue Oberfläche an denen sie wie an Widerhaken hängen blieben. Ich versuchte etwas zu sagen, doch mein Mund blieb geschlossen, wie ein schweres Eisentor, das mit einem massiven Schloss gesichert war. Wann immer ich versuchte ein Wort über meine Lippen zu bringen, schoss mir ein stechender Schmerz durch diese, weiter in meinen Nacken und breitete sich als kalter Schauer über meinem Rücken aus. Jemand wollte mich schweigen sehen. Mit der Zunge fuhr ich von innen an meinen Lippen entlang, blitzartig breitete sich ein bitterer Geschmack in meinem Mund aus, bohrte sich quer durch meinen Körper und übersäte meine Haut mit einer unaufhaltsamen Gänsehaut, die sich wie eine Flutwelle binnen Sekunden ihren Weg bahnte. Tränen vor Ekel schossen mir in die Augen. Der beißende, chemische Geschmack saugte mich geradezu aus. Die kleinen Erhebungen auf meiner Haut wirkten nun wie Nägel die sich von Innen ihren Weg nach draußen suchten. Sie bohrten sich mit ihren messerscharfen Spitzen immer weiter durch mein Fleisch an die Oberfläche. Kalter Schweiß lief meine Stirn hinab und rann meine Wangen hinunter zu meinen Lippen. Ich spürte wie sich ein einzelner Tropfen seinen Weg hinab suchte, die Nase hinunter, das Philtrum hinab und ab da verlor sich das Gefühl des Tropfens auf meiner Haut. Ich hatte jegliches Empfinden in den Lippen verloren. Stumpf und gefühlskalt waren sie noch da, aber ich spürte sie nicht mehr. Nicht mehr wirklich. Nur ein taubes Etwas das sich zwischen meinem Mund und meiner Nase eingenistet hatte und mich dort hämisch grinsend beobachtete, wie ich wahnsinnig bei dem Gedanken wurde, die Fähigkeit zu sprechen verloren zu haben. Die Kälte die sich in mir ausbreitete gewann die Überhand. Ein Zittern fuhr durch meine Gliedmaßen hoch zu meinem Kiefer in dem es wild kämpfte und meine Muskeln wie Marionetten umher dirigierte. Nur mein Mund blieb starr. Meine Lippen zeigten nicht einmal den Ansatz eines Zuckens. Nichts. Nur der bittere Geschmack breitete sich weiter aus. Doch diesmal war er getränkt von einer eisenartigen Nuance. Der metallische Geschmack erinnerte mich an alte Gabeln, die beim Essen einen Hauch von Eisen im Mund hinterließen. Ich hätte den warmen, metallischen Schwall am liebsten ausgespuckt, doch beim erneuten, kläglichen Versuch meine Lippen zu öffnen, holte mich der stechende Schmerz wieder ein, der sämtliche Gliedmaßen durchfuhr und wie ein Wirbelsturm unaufhörlich durch meinen Körper raste.

Die Luft um mich herum schien buchstäblich vor meinen Augen zu gefrieren. Die warme Luft die aus meinen Nasenflügeln schoss, verwandelte sich sofort in einen kalkweißen Schwall der die Kälte wie ein scharfes Messer durchschnitt. Die Temperatur musste innerhalb von wenigen Minuten drastisch abgefallen sein. Als ich hier erwacht war, war es nicht so kalt. So war mir zumindest. Zitternd und von kaltem Schweiß durchnässt, mit Lippen die sich nicht mehr öffnen ließen und einer chemischen Bitterkeit die durch mich kreuchte und mich leicht benommen machten hockte ich hier nun auf dem kalten Kachelboden, der das letzte Mal wahrscheinlich vor einigen Jahrzehnten mit einen Wischlappen in Kontakt gekommen war. Der Boden, der von Staub und einem klebrigen Film überzogen war, war in desolatem Zustand. Die Kacheln waren entweder völlig zertrümmert oder von dicken Rissen geschmückt die den alten Putz unter sich zum Vorschein kommen ließen. Der Putz war alt und staubtrocken, er kam etwas krümelig daher und bot in Verbindung mit der nassen, klammen Luft in diesem Raum die perfekten Bedingungen für Schimmelpilz. Ich bemerkte erst jetzt so richtig welch ein modriger, muffiger Geruch mich umgab. Ich atmete immer schneller durch die Nase. Der strenge, synthetische Geschmack, der immer noch durch meinen Körper tobte, schien mir meine Lungenflügel förmlich zu blockieren. Mein Brustkorb fühlte sich an als wäre er in etwas einge-schnürt, in ein viel zu enges Korsett, das meine Lunge wie ein Metallpanzer gefangen hielt. Den Schlüssel um den Panzer zu Öffnen hatte nur der bittere Geschmack, der wie ein Eroberer nach und nach alle möglichen Organe, Gliedmaßen und Gefühlsregungen unter seine Kontrolle bringen, oder sie zumindest lähmen wollte. Hinzu kam die ekelhafte Luft die mich umgab. Muffig und schwer hing sie förmlich vor mir, die hohe Luftfeuchtigkeit machte es mir nur noch schwerer zu atmen, und meine Lunge randalierte in ihrem Metallpanzer als gäbe es kein morgen mehr. Der Geruch hatte etwas von Älte, wie dieser Geruch den sehr alte Menschen verströmen die schon mit einem Bein fast im Grabe stehen. Ein muffiger, alter, modriger, klammer Geruch der sich überall eingenistet hatte und aus allen Poren des Raumes strömte. Die alte dunkelgrüne Tapete mit goldenen Ähren, die sich in Fetzen über die ganzen Wände zog, zeugte von Zeiten in denen dieser Raum noch in Benutzung war. Sie erinnerten mich an die alten Tapeten in Königshäusern, die sich wie eine schwere, überladene Dunkelheit auf den Wänden niederließ und sie vollkommen einnahm. Die einzigen Möbelstücke die ich erspähte waren auch nicht mehr in wirklich gutem Zustand. Die Mahagoni Anrichte die etwas weiter rechts von mir thronte war von großen Schrammen übersät, Kratzer zogen sich über die großen mit wulstigen Ornamenten verzierten Schubladen, deren bronzenen, verschnörkelten Griffe entweder nur noch an einer Seite befestigt waren und gleichgültig herab hingen oder auf dem Boden lagen. Eine der Schublade war offen, aus ihr quollen alte Stofffetzen heraus, die von einer dunklen, dicken Flüssigkeit besudelt waren, die sich ihren Weg an der Außenseite der Schublade hinab suchte und sich als große Pfütze auf dem Boden verteilte. Eine andere Schublade fehlte komplett und bot freien Einblick in das Innere der Anrichte, die mit einem hellen von kleinen schwarzen Blumen verzierten Stoff ausgekleidet war. Auch dieser war von einem staubigen, dreckigen Film überzogen, der von der absoluten Gleichgültigkeit zeugte mit der dieser Raum in den letzen Jahrzehnten behandelt worden war. Dem gepolsterten Stuhl der etwas hinter der Anrichte lag ging es auch nicht sehr viel besser. Der schwere, dunkle Samtstoff der das Sitzpolster einmal umgeben hatte, hing in Fransen herab, der weiche Flaum des Samtes war abgenutzt und bedeckte in Form von kleinen grünen Flocken den dreckigen Kachelboden. Rostigen Sprungfedern bohrten sich durch das Polster und zwei Beine hatte der Stuhl während seiner Existenz auch schon verloren. Das Atmen fiel mir von Minute zu Minute immer schwerer. Die Atmosphäre war getränkt von wildgewordenem Staub der sich durch die Luft immer mehr in meine Richtung kämpfte. Ich schien ihn geradezu wie ein Magnet anzuziehen. Unzählige Staubkörner flogen mir in die Nase und ließen mich Niesen. Die Luft in meinen Atemwegen sauste mir quer durch den Kopf, wühlte meine Gedanken durcheinander um dann mit höchstmöglicher Geschwindigkeit aus meinen Nüstern zu schießen. Mehrmals durchfuhr mich ein Schwall Staub. Es war ein ekelhaftes Gefühl zu Niesen, aber nicht in der Lage zu sein den Mund aufzumachen um den dazugehörigen ‚Hatschi‘-Laut von sich zu geben. Es fühlte sich so an als würde sich immer mehr Luft, mehr bittere, eisenhaltige Substanzen und ein unaufhörlicher Druck in meinem Mund sammeln. Dieses explosive Gemisch wartete förmlich nur noch darauf aus mir heraus zu platzen. Es wäre wahrscheinlich eine Erleichterung für mich gewesen, ich hätte wieder durchatmen können, wäre wieder in der Lage zu sprechen, ja sogar endlich um Hilfe zu flehen.

Ich richtete mich vorsichtig auf. Besser, ich versuchte es. Ich hatte das Gefühl hier seit Stunden in der gleichen Position gekauert zu haben. Meine Füße waren eingeschlafen und meine Knie instabil. Ich fühlte mich kraftlos und benommen, die chemische Substanz die sich in meinem Blutkreislauf recht wohl zu fühlen schien, benebelte mein Gehirn und ließ mich wie in Zeitlupe reagieren. Ich legte meine Hände auf den Boden um mich von dort hoch zu stemmen. Das ekelhafte, klebrige Gefühl unter meinen Händen, ließ mich vor Ekel zusammen zucken. Ich drückte meinen Rücken gegen die Wand hinter mir, und drückte meine Ellenbogen durch um auf die Füße zu kommen. Wackelig hangelte ich mich an der Wand hinauf, während mir der Mief der Tapete durch die Nasenflügel waberte. Tapsig wankte über die alten Kacheln die mir, so wackelig wie ich auf den Beinen war, nicht wirklich viel Halt boten. Suchend schaute ich mich in dem kargen alten Raum um. Etwas weiter links erspähte ich ein altes Fenster, durch das nur noch wenig Licht herein brach. Der staubige Film der sich sowohl von außen als auch von innen über das alte Glas zog, tauchte den Raum in eine graue, düstere Atmosphäre, die mich nur noch unwohler fühlen ließ. Langsam schleppte ich mich zu dem alten Doppelfenster, in der Hoffnung dort meinen Weg nach draußen zu finden. Mit meiner rechten Hand, an der noch etwas von der Substanz des Bodens klebte wischte ich über eine der Scheiben. Ein Teil des grauen, staubigen Überzugs blieb an meiner Handfläche haften und ermöglichte mir nun einen Blick nach draußen. Durch das Loch in der Staubschicht des Fensters starrte ich durch das Glas. Draußen erblickte ich einen weitläufigen Garten, der mit einer dicken Schneeschicht überzogen war. Schwere Schneemassen wälzten sich quer durch die Landschaft und ließen mich meist nur schemenhafte Umrisse von den Gebäuden und Objekten im Garten erspähen. Ich hatte keinen blassen Schimmer wo ich war, geschweige denn wie ich hier gelandet war.

Mein Mund war nun voll von Speichel und der strengen, chemischen Substanz die einen Schwall Eisengeschmack auf meiner Zunge verteilte. Ich versuchte das flüssige Gräuel auszuhusten, doch das wollte mir nicht gelingen. Meine Lippen hatten währenddessen jegliches Gefühl verloren. Ich fuhr ein weiteres Mal mit meinen Finger über sie, und bemerkte dass sie nun völlig trocken und etwas verschrumpelt ihr Dasein fristeten. Sie fühlten sich an wie grobes, splittriges Holz, das durch andauernde Trockenheit in tiefe Furchen aufbrach. Ich hustete ein weiteres Mal. Die heiße Luft die dabei aus meiner Nase schoss verwandelte sich wieder in eine weiße Wand die schwerelos vor mir thronte. Was ich nicht bemerkte waren die kleinen dunkelroten Sprenkel die ich gerade mit meinem Huster auf der Fensterbank vor mir verteilt hatte. Ich versuchte meine völlig in Chaos versunkenen Gedanken zu sortieren, doch dazu bleib mir gar nicht viel Zeit. Vor der dunklen Tür des Raumes vernahm ich Geräusche. Eine Mischung aus dem Knarren des alten Hauses und dem Ächzen und Stöhnen, das die maroden Dielen von sich gaben. Ein dumpfes Stampfen, das immer näher zu kommen schien, mischte sich unter die Geräuschkulisse. Dort draußen vor der Tür musste jemand sein. Ich zuckte zusammen und versuchte langsamer und leiser durch meine Nase zu atmen, was mir nicht recht gelingen wollte. Die Ungewissheit die mich zerfraß hatte meine Selbstkontrolle als Geisel genommen und würde diese auch bei massig Lösegeld und einem Fluchtwagen nicht wieder frei lassen. Zumindest nicht so schnell. Mein Herz brannte in meiner Brust. Es pochte immer schneller und härter und bohrte sich heiß und schmerzhaft fast durch mein Brustbein. Panisch begann ich den bronzenen Türknauf zu fixieren. Das dumpfe Stampfen kam immer näher und es konnte sich nur noch um ein paar Sekunden handeln, bis sich der Türknauf um die eigene Achse drehen, und ich der unbekannten Person gegenüber stehen würde. Wollte ich das überhaupt? Hörte ich dort draußen wirklich jemanden, oder bildete ich mir das gerade nur ein? War dort draußen jemand, aber dieser jemand wollte gar nicht zu mir? War ich vielleicht gerade einfach nur in einem zu realen Traum gefangen? Tausende Fragen schossen mir durch den Kopf, aber bevor ich mich in irgendwelchen Gedanken verlieren konnte, suchte sich eine Flut von Chemie aus meinem Mund ihren Weg in meinen Kopf und benebelte meine Gedanken. Ich spürte meinen Herzschlag in einer Ader über meiner Schläfe. Deutlich hämmerte sie auf meinen Schädel ein, der Klang hallte quer durch meinen Kopf und schien, wenn ich versuchte meinen Puls zu drosseln, immer lauter und monströser zu werden. Vor der Tür vernahm ich einen letzten lauten Stampfer, bevor Ruhe einkehrte. Nur das leise Knacken des alten Holzes blieb, und ein zartes Quietschen, das sich kaum hörbar dazu gesellte. Ich wollte meinen Blick gerade von der Tür lösen, als sich der alte, rostige Türknauf, unter einem Aufstöhnen um die eigene Achse drehte. Ich blieb wie versteinert stehen und wagte es kaum noch zu atmen. Die Tür wurde langsam aufgeschoben und jemand schlich sich zu mir herein. Ein kalter Schauer lief mir den Rücken hinunter, als ich geradewegs in die Augen dieses Hünen blickte.

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