Gruselnachtgeschichten

übers Leben, Lieben und Leiden

Zement

Keinen Zentimeter konnte ich meine Füße bewegen. Nichtmal die Zehen. Nichts. Keinen einzigen Millimeter. Die kalte Härte die sie umspielte hatte etwas bedrückendes. Ich verlor mehr und mehr jegliches Gefühl in meinen unteren Extremitäten. Wild mit den Armen rudernd versuchte ich das Gleichgewicht zu halten. Ich hätte nicht umfallen können, dazu hielt mich der Betonklotz viel zu fest in seinen Fängen. Wäre ich vorne über gefallen hätte ich mir beide Beine gebrochen, aber das hätte mich auch nicht sonderlich weiter gebracht. Die Sonne stand tief und strahlte mir geradwegs ins Gesicht, ich wurde geblendet wann immer ich versuchte meine Augen ganz zu öffnen. So verharrten meine müden Lider lieber in halboffener Position, was auf die Dauer allerdings schon mehr als anstrengend geworden war. Wie der Beton an meinen Füßen, waren sie schwer und unbeweglich. Ich konnte nicht sagen wie lange ich hier nun schon so verharrte. Ohne jegliche Zivilisation um einen herum, unbeweglich, in der sengenden Hitze verliert man jegliches Zeitgefühl. Die Geier kreisten schon um meinen Kopf. Sie wartete geradezu hämisch keifend darauf, dass ich das Zeitliche segnete, und sie endlich mal wieder frisches Fleisch zum Mittagessen bekamen. Der Schweiß rann mir in Bächen von der Stirn. Ich war durstig, so durstig wie noch nie. In völliger Panik begann ich den Schweiß von meinen Armen zu lecken, um endlich das trockene Gefühl, dass sich in meinem Mund wie ein ungebetener Gast ausbreitet, loszuwerden. Der salzige Geschmack der sich nun um meinen Gaumen schlung, war nicht sonderlich delikat, aber besser als nichts.

Meine Knie begannen wund zu scheuern. Immernoch versuchte ich den Beton um meine Füße irgendwie durch Bewegeung zu lösen, dabei schubberte die wabbelige Fleischmasse um meine Kniegelenke an den rauen Kanten des Zements und fühlte sich immer mehr an wie totes, blutiges Gewebe, dass nicht mehr wirklich zu mir gehören zu schien. Ich beobachtete das seichte Platschen des Wasser, das unaufhörlich gegen den Steg schwappte. Die alten Dielen knarrten schauerlich vor sich hin. Ich begann mir Gedanken zu machen, ob der Steg vielleicht schon vor meinem offiziellen Ableben, durch Stoß ins Meer, ein jähes Ende finden würde und einfach unter mit zusammen brechen würde. Wie ein alter Mann, dessen Knochen plötzlich nicht mehr mitmachen. Schwer, und wuchtig bricht er wie eine Ansammlung wackligen Gerölls in sich zusammen. In das Knarren des morschen Holzes mischte sich ein übles Knirschen, das seicht von einer Art Stöhnen umspielt wurde. Unten im Wasser knallte ein kleines Ruderboot unaufhörlich immer wieder im Takt der Wellen gegen die stützenden Balken. Das rhytmische Rumpeln machte mich wahnsinnig, und vernebelte mir langsam aber sicher meinen geschundenen Geist. Wie ein Hypnotiseur der das Hirn durch das stumpfe Zählen immer mehr in einen matschigen Brei verwandelte.

Ich war wohl einen Moment lang ohnmächtig. Erinnern konnte ich mich nicht. Ich wurde je her aus dem Zustand völligem Abwesendsein gerissen, als ich plötzlich schwere, starke Schritte auf dem alten Steg vernahm. Unaufhörlich polterten sie mir hinter meinem Rücken entgegen. In das dumpfe Stampfen mischten sich geschundene Worte, ein Schlüsselrasseln und noch ein weiteres Paar schneller Schritte, die sich mir immer weiter näherten. Mein Herz randalierte wild in meiner Brust. Würde ich sie überhaupt mal zu Gesicht bekommen? Oder stießen sie mich einfach gleich in das tobende Meer? Ich versuchte noch einmal panisch den Zement an meinen Füßen irgendwie zu lockern, doch da war es schon zu spät. Die Schritte verstummten hinter mir. Ich spürte wie mich zwei starke Hände mit voller Wucht nach vorne schubsten. Mit dem Gesicht zuerst landete ich in dem kalten Wasser, das sich alsbald den Weg in alle möglichen Öffnungen meines Kopfes suchte und mir schneller als erwartet das Bewusstsein raubten. Das wars dann wohl…

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